Nach langem Kampf um Mittel, Räumlichkeiten etc. geht im Mai 2026 in der Adi-Maislinger-Straße 18 – nur wenige Schritte vom Feierwerk entfernt – das Feierwerk AMP in Betrieb. Der erste Teil dieser Geschichte führt zurück in die 1980er- und 1990er-Jahre. Er zeigt, wie versucht wurde, das Thema Übungsraumnot in die Öffentlichkeit zu bringen, Unterstützung in der Verwaltung und Politik zu gewinnen und mit dem Modellprojekt „Übungs-Studio“ einen möglichen Lösungsweg aufzuzeigen.
1000 Münchner Musiker brauchen Übungsräume!
„Herbst 1983: aus über 100 Bewerbungen um einen Übungsraum wurden 32 Münchner Bands ausgelost. Sie bezogen Räume auf dem Gelände der sogenannten „Kulturkaserne“ (Dachauerstraße 128), vermittelt durch die Stadt.“ (Quelle: Klappentext des LP-Samplers „Die Stadt informiert“, 1985)
Ab Juli 1985 übernahm das Feierwerk im Auftrag des Jugendkulturwerks die organisatorische Betreuung der Proberäume in der sogenannten „Baracke 28”. Bei den regelmäßigen Treffen der Nutzer*innen stand die Frage im Mittelpunkt, wie es weitergehen würde, wenn das Gebäude – von vornherein eine provisorische Lösung – abgerissen würde. Die Situation verschärfte sich noch, als bekannt wurde, dass auch das größere Proberaumzentrum in der Kirchenstraße kurzfristig abgerissen werden sollte. 1987 war dort endgültig Schluss. Gleichzeitig ließ eine Liste des Kulturreferats ahnen, wie groß der Bedarf tatsächlich war: Zahlreiche weitere Bands suchten händeringend nach geeigneten Proberäumen, doch es gab kaum Ersatz.

Um die Bands zu unterstützen und den zuständigen Stellen Datenmaterial vorlegen zu können, startete das Feierwerk im Oktober 1986 eine Umfrage. Diese ergab, dass mindestens 200 Bands Räume suchten. Wenn diese dann auch noch trocken, einbruchssicher, schallisoliert, beheizbar und mit ausreichend Strom ausgestattet wären, so der Tenor der Rückmeldungen, wäre dies das Höchste der Gefühle.
Öffentliches Üben: Der Aufstand der Münchner Bands

So war der Bericht über das „Öffentliche Üben“ am Samstag, dem 3.10.1987, auf dem Münchner Marienplatz in der SZ „Popcorner“ überschrieben. Anfang des Jahres hatte der Autor Wolfgang Stegers eine Podiumsdiskussion mit Vertreter*innen von Münchner Stadtratsfraktionen, des JugendKulturWerks, des Kulturreferats und betroffenen Musiker*innen moderiert. Es war eine der Diskussionen, bei denen sich die Verantwortlichen – wie man so schön sagt – sachkundig gemacht und einiges versprochen hatten. Die Veranstaltung gab den Anstoß für zwei Anträge im Stadtrat, städtische Räume für Bands zur Verfügung zu stellen bzw. Mietzuschüsse zu gewähren. Diese wurden an die zuständigen Fachreferate weitergeleitet, blieben jedoch ohne Folgen.
„Erhalten, stärken und neu schaffen: Kulturorte, Spielstätten und Arbeitsräume sind für Kultur- und Kreativschaffende essenziell“
(Titel eines Panels beim Dialog Pop 2024)
So reifte im Laufe des Jahres im Feierwerk der Plan, lautstark vor das Münchner Rathaus zu ziehen, um eine breitere Öffentlichkeit auf die katastrophale Situation vieler Bands aufmerksam zu machen. Das hatte München noch nicht gesehen: Kaum war am Samstag, dem 3. Oktober 1987, der letzte Hahnenschrei des Glockenspiels auf dem Rathausturm verklungen, begannen fünf Münchner Nachwuchsbands mit ihren „öffentlichen Proben“. Es wurden Infotafeln aufgestellt und Unterschriftenlisten ausgelegt. Politiker verlasen Statements, Stelzenläufer verteilten Flugblätter und die von der Musik quer durch alle Altersgruppen begeisterten Passanten wurden zum abendlichen Konzert der beteiligten Bands in die Hansa 39 eingeladen.
Erste Hilfe in der Proberaum-Misere: Das „Übungs-Studio“-Konzept
Der Auftrag des Stadtrates, zusätzliche Proberäume zu schaffen, blieb Papier. Nichts Konstruktives wurde auf den Weg gebracht. Eineinhalb Jahre später, am 1. April 1989, standen wieder fünf Bands vor dem Rathaus. Im „Fluchblatt“ zur zweiten Proberaumaktion hieß es: „Die Übungsraum-Misere ist den Behörden seit Jahren bekannt, trotz engagierter Unterstützung durch das Stadtjugendamt bleiben sowohl Hinweise auf das Problem als auch Lösungsvorschläge in den verschiedenen Behörden hängen.“ Die Aktion erzeugte ein gewisses Echo in den Medien, die sich darüber freuten, dass sich Franz Forchheimer (CSU), Irmgard Mager (SPD) sowie ein Stadtrat der Grünen auf der Bühne öffentlich auf die Seite der Musiker stellten.
Das Feierwerk erhoffte sich von der Aktion auch einen Schub für die Realisierung des Modellprojekts „Übungs-Studio“. Dieses sollte exemplarisch im ehemaligen „Ölkeller“ entstehen, also dort, wo sich heute die Toiletten zwischen Hansa 39 und Kranhalle befinden. Mit relativ geringem Aufwand sollte das Projekt „Erste Hilfe“ bei der Proberaummisere leisten. Das Nutzungskonzept sah einen nahezu vollständig mit Equipment ausgestatteten Raum vor. Insbesondere junge Musiker*innen sollten den Raum für Übungszeiten von je drei Stunden zu einem für sie erschwinglichen Preis nutzen können. Außerdem waren ein als Studio geeigneter Raum ohne Equipment sowie ein Aufnahmeraum, beispielsweise für die Produktion von Demokassetten, geplant.
Exkurs: Best-Practice-Ansätze
Im November 1993 beleuchtete eine von Kulturreferent Siegfried Hummel angeregte Fachtagung in der Pasinger Fabrik verschiedene Aspekte der Förderung urbaner Popkultur. Dabei wurden auch einige Best-Practice-Ansätze zur Schaffung von Proberäumen vorgestellt.
Irmgard Tennagels, seit 1990 „Referentin für Popularmusik“ im Amt für Wissenschaft und Kunst, berichtete von den beeindruckenden Dimensionen der „Musikbunker“ in Frankfurt. In sieben Bunkern mit insgesamt 120 Räumen probten Anfang der 90er Jahre rund 300 Musikgruppen. Um die Bunker vor dem Verkauf durch den Eigentümer, das Bundesverwaltungsamt, zu retten, lehnte sich die Kommune finanziell weit aus dem Fenster. Sie erwarb die Bunker, stellte Mittel für die Sanierung bereit und überließ sie der Musikszene mit langfristigen Mietverträgen. Dies war das Ergebnis eines zähen Ringens, bei dem vor allem das Frankfurter Kulturamt eine wesentliche Rolle spielte und von Anfang an die Mobilisierung und Vernetzung der Musik- und Kulturszene forcierte. Eine Broschüre der Frankfurter „Bunkervereine“ gibt übrigens einen aufschlussreichen Überblick über den aktuellen Stand des Projekts.
Auch in Hannover war die Immobiliensituation aus Münchner Sicht relativ beneidenswert. Ein massives Problem war allerdings, dass die örtliche Musiker*innen-Initiative seit 1972 in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt in 20 Jahren lediglich einmal 25 Proberäume in drei Bunkern ausgebaut hatte. Öffentliche Mittel flossen nur spärlich. So langsam ging es voran, weil sich die Musiker*innen = Vereinsmitglieder immer wieder Billigstmieten von drei Mark pro Quadratmeter genehmigten. „Das wenige Geld wurde buchstäblich verjuxt, weil keine nennenswerten Einnahmen aus der Vermietung erzielt wurden„, kommentierte das Holger Maack vom Musikzentrum Hannover.
Großes Proberaumzentrum: Hannover machte es vor
Für einen Weg der investiven Verwendung öffentlicher Mittel entschieden sich 1993 der „Bandclub e.V.“, die „Jazzmusikerinitiative“ und die „L.A.G. Rock in Niedersachsen mit der Gründung der Musikzentrum Hannover gGmbH. Man ging davon aus, dass sich die Umbaukosten in Höhe von 200.000 bis 300.000 Mark für ein größeres Objekt prinzipiell durch Proberaummieten auf mittlerem Preisniveau – zwischen reiner Subventionsmiete und „Marktpreis“ – wieder erwirtschaften lassen, wenn ein hinreichend preiswertes Gebäude (z. B. ein Bunker in öffentlicher Hand) zur Verfügung steht und eine günstige Mischfinanzierung gewährleistet ist. Die gemeinnützige GmbH begann sofort mit dem Ausbau von 26 Proberäumen in einem 800 m2 großen Bunker. Über einen Zeitraum von vier Jahren stellte das Kulturamt rund 120.000 Mark zur Verfügung. Die erste Rate in Höhe von 30.000 DM wurde für den Kauf von Baumaterial verwendet. Zudem lieh sich das Musikzentrum weitere 20.000 Mark von der Bank. Sechs arbeitslose Handwerker erledigten im Rahmen einer „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“ die Knochenarbeit am Bau. Im Jahr 1995 erwirtschaftete das Musikzentrum mit verschiedenen Leistungen 53 Prozent seines Jahresbudgets selbst.
Auf der Website des MusikZentrums heißt es derzeit: „In sieben verschiedenen Gebäuden (fünf ehemaligen Luftschutzbunkern und zwei ehemaligen öffentlichen Toilettenanlagen) stellen wir in Hannover 59 Proberäume zwischen 8 und 47 Quadratmetern zur Verfügung.“ Insgesamt sorgen das MusikZentrum, die Deutsche Rockmusik Stiftung und das Rockbüro mit ihren über ca. 150 Proberäumen für einen Großteil der essenziellen Infrastruktur für professionelle und Hobby-Musiker*innen.
Fazit: Was lief in anderen Städten besser?
In diesen Fällen hat es geholfen, dass der politische Wille auch von ganz oben vorhanden war, dass dazu Menschen in der Verwaltung das Thema kompetent, engagiert und durchsetzungsstark zu ihrem Ding gemacht haben, und dass jenseits der reinen Abhängigkeit von öffentlichen Geldern und über die Vereinsblase hinaus gedacht wurde. Nicht fehlen dürfen eine Menge Humanpower, strategischer Instinkt, Energie und Druck aus der Musiker*innen- und Kulturszene, wie ein paar ausgeschlafene Hamburger Jungs erzählten. Die Selbsthilfeinitiative mit dem schmucken Vereinsnamen „Musizierende Toiletten e.V.“ hatte ihr Projekt recht unprätentiös, aber auch hartnäckig durchgesetzt. „Behörden wurden mit Anträgen überhäuft, Ämter gelöchert und genervt. Budgets wurden geplündert, Politiker*innen umgarnt und ohne Ende Öffentlichkeit hergestellt“, erzählt PR-Stratege Oliver Camp.
Und was ist mit dem Münchner „Übungs-Studio“? Feierwerk hatte gehofft, beim Umbau einen erheblichen Eigenanteil leisten zu können. Eine befreundete Baufirma hätte sehr günstig Maschinen zur Verfügung gestellt und zusammen mit einem Architekten die fachgerechte Ausführung der Arbeiten garantiert. Zudem wären viele Musiker*innen bereit gewesen, beim Schaufeln und Mauern mitzuhelfen. Die Gesamtkosten inklusive Ausstattung wären bei 50.000 bis 70.000 Mark gelegen. Das Stadtjugendamt und die Branddirektion waren mit den Plänen und dem Kostenvoranschlag einverstanden. Das Baureferat legte jedoch sein Veto ein, da die Eigenleistungen „nicht den Regeln der Baukunst“ entsprächen, und rechnete mit Kosten von mindestens 175.000 Mark für einen fachgerechten Ausbau inklusive Sanierung unter seiner Federführung. Im November 1991 nannte die SZ dafür bereits eine Summe von 375.000 Mark. Aufgrund der gegenwärtigen Haushaltslage der Stadt kam das natürlich nicht infrage.
Zumindest in den 2010er Jahren konnte das Nutzungskonzept in drei Einrichtungen des Feierwerks umgesetzt werden. Seit Herbst 2012 ist der Bandübungsraum unter dem Orangehouse mit einer kompletten Backline ausgestattet. Bands können dort 2,5 Stunden pro Woche proben. In der Feierwerk Südpolstation stehen seit 2015 und in der Feierwerk Funkstation seit 2017 jeweils zwei ausgestattete Proberäume zur Verfügung.







