Kulturszene

Interview zum Fachtag “Marschmusik am rechten Rand”

Die Fachinformationsstelle Rechtsextremismus in München (firm) ist Anlaufstelle, Initiatorin und Informationsdrehscheibe zu Fragen über rechtsextremistische Organisationen und Aktivitäten in München. Am 18. April 2018 hat die firm den Fachtag „Marschmusik am rechten Rand“ veranstaltet, um auf aktuelle Strömungen im Musikbereich aufmerksam zu machen. Johannes Scholz, Mitarbeiter bei der firm bis März 2018 und Referent beim Fachtag, stand uns für ein Gespräch zur Verfügung.

Johannes, magst Du uns kurz etwas zu Dir erzählen?

Ich bin Johannes, 33 Jahre alt, komme ursprünglich aus der Hardcore/Punk-Szene. Ich habe mich schon in jungen Jahren mit alternativer Musik beschäftigt und habe da bereits gemerkt, dass das Problem ist, dass immer wieder Leute aus dem rechten Milieu versucht haben, daran teilzunehmen und fand das immer ne unschöne Sache. Hatte aber mit 14/15 weniger ein Standing, um sagen zu können, dass irgendwelche Faschoschränke an Musikveranstaltungen nicht teilnehmen sollen. Das hat sich dann ein bisschen geändert, als man angefangen hat, selbst Sachen auf den Weg zu bringen und man sagen konnte: Nee, wir haben keinen Bock, dass diese und jene Leute auf den Veranstaltungen da sind. Mir ging es vornehmlich immer darum, die jugendkulturelle Hardcore/Punk-Szene auch als solche zu verstehen, die nicht nur Sachen sagt, sondern auch durchführt und es ein ganz klares, antifaschistisches Statement gibt.

Worum geht es beim heutigen Fachtag?

Als wir diesen Fachtag vorbereitet haben, war die ganze Diskussion um Farid Bang und Echo noch ganz weit weg. Aber wir wussten schon, dass es ein Neonazi-Festival geben wird, was wahrscheinlich Anfang April stattfinden wird, um Hitlers Geburtstag herum, an zwei Tagen. Damals war auch noch nicht ganz klar, dass alle verschiedenen, rechtsextremen jugendkulturellen Stile da vereint werden und uns war es wichtig, dass wir die Leute darüber informieren, was momentan läuft. Auch im Hinblick darauf, dass im letzten Jahr drei der größten Rechtsrock-Veranstaltungen in Europa mit bis zu 6000 Personen stattgefunden haben. Wir wollten einerseits Leute informieren, die im Veranstaltungsbereich arbeiten, damit sie sich beim nächsten Mal, wenn sie eine Band buchen, genauer informieren. Wir möchten ihnen ein Hintergrundwissen ermöglichen, das sie selbst vielleicht gar nicht haben. Es geht darum, den Blick zu schärfen. Auf der anderen Seite geht es auch darum, Jugend- und Sozialarbeiter zu erreichen, die in ihren Einrichtungen dann genauer sehen können, was abgeht und manche Dinge vielleicht besser einordnen können. Das war der Hintergrund für diesen Fachtag – außerdem war der letzte Firm-Fachtag zum Thema Musik schon fast 10 Jahre her, da war es jetzt wieder an der Zeit, da die Aktualität nach wie vor gegeben ist.

Welche besondere Rolle spielt Musik in der rechten Szene?

Musik ist nicht nur das Einfallstor, um neue Mitglieder zu werben. Leute rutschen ja nicht in die rechte Szene, weil man ihnen einen politischen Vortrag hält, sondern Musik steuert Emotionen und ein Gemeinschaftsgefühl. Durch das gemeinsame Erleben von Konzerten oder Hören von CDs mit Musik, die Menschen verachtenden Hintergrund haben, kann die Szene Nachwuchs kreieren. Der Zugang zum rechten Milieu läuft über die Musikszene.

„Der Sound der neuen Rechten“ Wie klingt der? Ist der unterschwelliger?

Nee, der ist variabel. Der Sound der neuen Rechten heißt ja vor allem, dass die neue Rechte sich überlegt, welche verschiedenen Zugangsweisen sie haben könnte. Da wird dann zum Beispiel mit französischen Chansons experimentiert und auch der Neo-Folk mit rein gebracht, bis hin zu rechtem HipHop. Also alles, wo man auf irgendeine Art und Weise eine Zielgruppe finden könnte, auf diese Zielgruppen wird Musik dann auch zugeschnitten. Es geht immer auch um Nachwuchsförderung bei den Neuen Rechten.

Was versteht man unter Marschmusik?

Den Titel kam dadurch zustande, dass wir das von vielen rechten Aufmärschen kannten, dass Trommler vorne weglaufen. Und wir saßen zusammen und haben uns überlegt, welchen schneidigen Titel wir der Veranstaltung geben könnten. Da die Trommler vom Dritten Weg bei der Demo am 01. Mai sehr präsent waren, haben wir uns gedacht, dass das ein ganz guter Aufhänger wäre. Außerdem wird bei rechtsextremen Aufmärschen immer Musik verwendet, um das Ganze zu untermauern. Rechtsrock wird also bei Veranstaltungen oder bei Demos abgespielt. Deshalb hat der Titel „Marschmusik“ eben auch einen entsprechenden Charakter.

Begegnet nur die Szene dieser Musik oder kann auch eine „normale“ Person im Alltag damit in Berührung kommen?

Teil teils. Wenn man sich einfach mal die Algorithmen von youtube anschaut, hat man eventuell mal ne Band gehört und dann gibt es da entsprechenden Empfehlungen. Bei Youtube sieht man ja auch die entsprechenden Klickzahlen – wem das gefällt, gefällt auch das. Dadurch können sich relativ einfach Berührungspunkte ergeben. Oder auch im Bereich Grauzone, die auch ein Teil dieses Bereichs rechter Musik darstellt. Gerade wenn jetzt beispielsweise Frei.Wild ein Konzert geben, sieht man im Stadtbild dann auch öfter die Werbung dafür. Oder auch bei den Krawallbrüdern, der Hooligan-Band, da wird es definitiv auch noch Werbung dafür geben. Insofern ist es dann schon so, dass man im normalen Alltag damit in Berührung kommt.

Was ist die sogenannte „Grauzone“?

Grauzone handelt davon, dass es Bands gibt, die sagen, sie sind Spaß-orientiert, und die anfänglich auch sagen, sie seien unpolitisch. In Wirklichkeit liegt bei den Grauzonen-Bands die Politik aber im Schnittbereich, das heißt, dass man unterschwelligen Zugang dazu hat. Beispielsweise im Song „Brixen“ von Frei.Wild: da wird darüber geschrieben, wie sich eine Stadt verändert, und dann wird darüber gesungen, dass viel Müll kommt, und Bauten fremder Welten. Und man merkt erst unterschwellig, dass mit Bauten fremder Welten Moscheen gemeint sind – damit sieht man dann die Islamfeindlichkeit. Die Grauzone spielt immer wieder mit diesem Klischee. Das heißt, dort gibt es keine expliziten rechten Äußerungen, sondern das alles schwimmt im Subtext mit, und vor allem auch im Habitus.

„Frei.Wild ist doch nicht rechts, das hat mit Nazis nichts zu tun.“ Liest man ja immer wieder… Wie argumentiert man denn da am besten dagegen?

Man muss den Leuten sagen: Ja, ich gebe Dir Recht, Frei.Wild sind keine Nazis. Frei.Wild ist auch keine Naziband, Frei.Wild ist eine Grauzonen–Band, weil sie einfach mit dem Klischee spielt. Mit einem Frei.Wild-Hörer kann man auch einfach mal anfangen, die entsprechenden Songs zu zerlegen und sich anzuschauen: Was steckt denn dahinter? Oftmals wird den Leuten erst dann bewusst, was für eine Sub-Message da mit dabei ist. Viele Leute rezipieren das gar nicht mehr, es hört sich halt gut an. Rock auf Deutsch, im Punkrock-Stil, super rebellisch. Aber viele Leute haben aufgehört, sich mit den Texten auseinander zu setzen. Und da kann man jeden Frei.Wild Hörer kriegen, in dem man mit ihnen mal kritisch die Texte hinterfragt. Das hatte ich schon viel in der pädagogischen Arbeit, dass die Leute dann gesagt haben: Ha, hab ich noch gar nicht so gesehen, vielen Dank.

Du hast also schon das Gefühl, dass man da Aufklärungsarbeit leisten kann, indem man diese Hörer mit den entsprechenden Texten konfroniert, oder?

Ja, man kann Leute schon erreichen, wenn sie zugänglich sind. Nicht jeder Frei.Wild-Fan ist zugänglich, sondern sagt: Lass mich mit dem ganzen Frei.Wild-Gelaber in Ruhe. Aber wenn Leute sich auf die Diskussion einlassen, hat man ganz oft eine andere Stoßrichtung und holt sie ab, öffnet ihnen die Augen. Deshalb sollte man immer mal versuchen, mit den Leuten zu reden.

Was ist denn die Gefahr von Grauzonen-Konzerten und Bands?

Oftmals ist es so, dass die Inhalte, die in den Texten angesprochen werden, Prinzipien der Ungleichwertigkeit sind. Das heiĂźt, was dort aufgemacht wird, sind ein „die“ und ein „wir“. Die Gefahr liegt dann darin, dass es in der Masse rĂĽber gebracht wird, unter Tausenden von Leuten, die sich dementsprechend auch artikulieren. Das stärkt das GemeinschaftsgefĂĽhl und man verlässt die Konzerte mit einem Feindbild im Kopf. Und natĂĽrlich hat man ganz oft auch Ă„uĂźerungen von Neonazis, die dann an solchen Konzerten teilnehmen, weil sie geduldet sind – und da ist dann kein Widerspruch da. HeiĂźt, entsprechende rechte Ă„uĂźerungen bleiben ohne Widerspruch, nach innen und nach auĂźen. Und wenn betrunkene Hooligans nach einem KrawallbrĂĽder-Konzert nach Hause gehen und jemanden treffen, der aus ihrer Sicht nicht in ihr Weltbild passt, kann das Ganze auch in einer Körperverletzung enden. Und somit werden Leute dann unter Umständen auch von Gewalt betroffen.

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Julia Irländer

Julia betreut im Feierwerk die Pressearbeit und leitet federführend den Feierwerk Blog. Privat ist sie Mama von zwei kleinen Schlafräubern und schreibt auf schlafraubtiere.de über ihren kunterbunten Familienalltag.

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