Kulturszene

Mental Health in der Musik? Die Fachstelle Pop eröffnet das KLANGfest

Das Werksviertel klingt – im wahrsten Sinne des Wortes: Beim KLANGfest 2022 schallen am 11.09.2022 unterschiedlichste Stilrichtungen von vier BĂŒhnen. Nach zwei Jahren Corona-bedingter Pause prĂ€sentiert der VUT SĂŒd (Verbandes unabhĂ€ngiger Musikunternehmer*innen e.V.) 32 unterschiedliche Bands, zum ersten Mal vor der Containerkulisse des Werksviertels. In diesem Jahr durften wir als Feierwerk Fachstelle Pop mit einem Thema das KLANGfest eröffnen. Nicht erst seit Corona, schlĂ€gt bei uns oft ein gesellschaftlich leider noch nicht sehr offen besprochenes Thema auf: Mental Health.

TRIGGERWARNUNG: Der folgende Blogbeitrag beinhaltet die Themen Mental Health, Suizidgedanken und psychische Erkrankungen.  Bitte hört auf euer inneres Wohlbefinden und lest ggf. nicht weiter.

Wie lĂ€uft’s bei dir?

Lethargie, Erwartungsdruck, fear of missing out, sozialer Druck 
 Ist das Thema „Mental Health“ in der Musik immer noch ein Tabu oder sind wir auf dem Weg der Akzeptanz? Wie sollten wir ĂŒber psychische Gesundheit sprechen? Wir konnten dazu drei großartige Musiker*innen und Erfahrungsexpert*innen im Bereich Mental Health gewinnen, die jeweils einen 15-minĂŒtigen Input zum Thema gaben:

 

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Daniel FahrlÀnder / credits: Ben Schaub

Daniel FahrlĂ€nder (YOUTH OKAY) ist selbststĂ€ndiger Produzent, Songwriter und SĂ€nger aus MĂŒnchen. In seiner Musik und den Texten verarbeitet er seine Erlebnisse aus dem Blickwinkel der Betroffenen im nahen Umfeld. Seine Mutter hatte eine bipolare Störung und nahm sich aufgrund dessen 2014 das Leben. Daniel erzĂ€hlt eindrĂŒcklich, dass er so schon als Kind mit dem Krankheitsbild „manisch-depressiv“ in BerĂŒhrung kam und teilte die wiederkehrenden Krankheitsstadien seiner Mutter in „weiß, grau und schwarz“ ein. Seine Erlebnisse versucht er durch seine Musik einzuordnen. Hier dazu ein Track seiner aktuellen Band YOUTH OKAY: „Mouse in a Maze“. „Diese Musik, die ich schreibe, ist in gewisser Weise Selbsttherapie.“ Über die Selbsthilfe hinaus, beschreibt er, welche TĂŒren geöffnet werden können – auch Band-intern – wenn man anfĂ€ngt, offen mit den eigenen Erfahrungen umzugehen. So können sich tatsĂ€chlich alle in seinem Umfeld ein StĂŒck leichter öffnen. „Es gibt psychische Krankheiten auf der Welt so viele, wie es Menschen gibt“, sagte dazu einer seiner Bandkollegen. Und das ist wohl wahr. Die Reaktionen auf die Musik spĂŒrt Daniel auch bei Konzerten. So kommt er in Kontakt mit anderen Betroffen und kann z.B. den Umgang mit Suizid teilen. Daniel bekĂ€mpft durch seine Offenheit das gesellschaftliche Stigma, das nach wie vor gegen psychische Krankheiten existiert. Und er ermutigt andere dazu: „Wenn man drĂŒber redet, stĂ¶ĂŸt man selten auf Dis-Respect.“

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Dominique de Marné / credits: Arvid Uhlig

Dominique de MarnĂ© (MENTAL HEALTH CROWD) knĂŒpft direkt an Daniel an und ist begeistert von seinem Mut, der nötig ist, um so offen zu sprechen. Denn als Angehöriger spricht er ja ĂŒber eine andere Person, was oft noch mehr Scham mit sich bringen kann. Dabei sei die AufklĂ€rungsarbeit so wichtig. Als Autorin, Unternehmerin und Mental Health Advocatin setzt sie sich dafĂŒr ein zu verĂ€ndern, wie wir ĂŒber das Thema mentale Gesundheit sprechen. Sie sagt, dass sie „15 Jahre selbst mit psychischen Erkrankungen zusammengelebt“ hat (Borderline-Persönlichkeitsstörung, Depression und AlkoholabhĂ€ngigkeit). „Wo ein Mensch, da eine mental health“, so sieht Dominique das Thema. Insofern ist jede*r betroffen, genau wie beim Thema körperliche Gesundheit. Jede*r sollte psychische Gesundheits-Kompetenz erlernen –  also was wir dafĂŒr tun können, mental gesund zu sein.

Unsere Gehirne merken sich eher das Negative, das belegen Studien. Das sei evolutionĂ€r bedingt, „weil es in der Steinzeit wichtiger war, dass man weiß, wo der SĂ€belzahntiger wohnt, als dass man weiß, da gibt’s die schönen SonnenuntergĂ€nge“. Und das ist leider immer noch so. Eine Aufgabe ist es, bewusst den Blick aufs Positive zu lenken, z.B. abends bewusst an Positives des Tages zu denken.

Dominique war in der Zeit ihrer Erkrankung Musikerin bei Candelilla. Musik hat ihr indirekt bei der Heilung geholfen. Auch als Musik-Konsumentin: „Ohne Chester Benningtons Musik (Linkin Park) wĂ€re ich heute nicht mehr hier. Meine Erkrankungen haben mir mein Leben zur Hölle gemacht und Chester war der einzige, der mich versteht.“ Sie will aber auch dafĂŒr sensibilisieren, was Musik in Menschen auslösen kann. „Ein Song kann durch die emotionale InstabilitĂ€t, die ich so lange mit mir rumgetragen habe von jetzt auf gleich sehr krasse Sachen triggern.“ Deshalb sei ein sensibler Umgang wichtig, v.a. wenn sich Leute der Musik nicht entziehen können.

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Daniel Filser / credits: Marc Gilsdorf

Daniel Filser, Gitarrist von Cauterize, macht mit dem 3. Input die Runde komplett. Er ist Mindset Coach und Mental Health Berater und sprach ĂŒber die Macht der Gedanken. Am Anfang steht immer ein Gedanke, auf den ein Bild im Kopf folgt. Daraus entsteht eine Emotion und dann eine Handlung. Der Kreislauf ist immer gleich. Deshalb können Gedanken Handlungen verĂ€ndern. Wichtig sei die Formulierung: „Wir haben Gedanken, wir sind nicht unsere Gedanken.“ In der Musik gibt es einen Leitsatz „Musik ist eine brotlose Kunst“. Dabei leben viele Menschen vom Musikbereich: Musiker*innen, Veranstaltende, Produzent*innen, Techniker*innen etc. Wenn man diesen Glaubenssatz mit sich trĂ€gt, könne es quasi nur schiefgehen. „Wenn du dich traust, gewisse Gedanken zu ĂŒberprĂŒfen und dich zu fragen, ‚ist das denn wahr?‘,  kannst du den Fokus in deinem Kopf neu ausrichten, dich verĂ€ndern“. Menschen verĂ€ndern sich – siehe Dominique und Daniel. Sie haben Blickwinkel auf ihre Lebensgeschichte gewĂ€hlt, die es ihnen ermöglichen nach vorne zu gehen. Unter anderem mit Hilfe von Musik. „Jeder Mensch trĂ€gt diese FĂ€higkeit in sich“, ermutigt er die etwa 50 Zuhörende.

Feierwerk_Fachstelle Pop_KLANGfest_Mental Health in der Musik_GesprÀchsrunde

Bei den anschließenden Nachfragen konnte ich, als Moderatorin, ĂŒber alles Gesagte hinaus ein paar weitere wichtige Dinge lernen:

  • Wenn du unsicher bist, wie du das Thema Mental Health ansprichst, sag genau das: Dass du unsicher bist, aber gerne ĂŒber das Thema sprechen wĂŒrdest, wenn dein GegenĂŒber das auch möchte.
  •  Auch wenn ich keine psychische Erkrankung habe: Auch ich, so wie jeder Mensch, habe eine mentale Gesundheit und kann darĂŒber sprechen. #mentalhealthrocks
  • Das Wort „Betroffene*r“ kann man ganz einfach durch ein Schöneres ersetzen: „Erfahrungsexpert*in“.
Danke fĂŒr all diese guten Gedanken. Danke an das KLANGfest. Und Danke an diese drei inspirierenden Menschen.

Die Feierwerk Fachstelle Pop ist eine Anlaufstelle zur Förderung, Vernetzung und Interessenvertretung der popkulturellen Szenen in MĂŒnchen. Wir werden gefördert vom Kulturreferat der LH MĂŒnchen und unterstĂŒtzen und beraten Musiker*innen, Bands, KĂŒnstler*innen und alle weiteren Akteur*innen im Popgeschehen der Stadt. FĂŒr uns ist "Pop" der umfassende Begriff fĂŒr aktuelle Musikproduktion ohne stilistische Grenzen. Wir verstehen uns insbesondere auch als Ansprechpartnerin fĂŒr junge KĂŒnstler*innen aus den verschiedenen Sub- oder Jugendkulturen abseits des Mainstreams.

1 Kommentar

  1. Sehr spannender Beitrag und motiviert einen eine Mentaltrainer Ausbildung zu absolvieren um ebenfalls zu helfen. 🙂

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