Kulturszene

Das Handy als „Inklusions-Tool“ – drei Jahre „Plug-In Beats“-Party

Wer kennt das nicht: du gehst auf eine Party, der Sound nervt und am liebsten würdest du dein Handy rausziehen und selbst zur Musik beitragen. Sowas geht bei unserer Partyreihe Plug-In Beats im Feierwerk . Auch wenn die Idee eigentlich ganz anders entstanden ist: Als ich 2015 auf einem Willkommensfest für Geflüchtete im Freiheiz auflegte, spielte ich u.a. einen arabischen Popsong, und sofort war ich umringt von zahlreichen Jugendlichen, die mir ihr Handy unter die Nase hielten und wollten, dass ich einen Song davon abspiele. Technisch war das so spontan (noch) nicht möglich, aber die Idee gefiel mir.

Als Ende 2015 dann neben dem Feierwerk eine Leichtbauhalle für ca. 150 Geflüchtete gebaut wurde, bot sich die Gelegenheit, aus dieser Idee einen praktischen Ansatz zu entwickeln. Mit unseren neuen Freunden aus der Nachbarschaft starteten wir einen Testlauf, der uns sofort begeisterte: Plötzlich lief Musik aus aller Welt, die wir so selbst nicht kannten, dazu verschiedenste Tanzstile. Und vor allem: endlich einmal einen Abend lang fast ausschließlich glückliche Gesichter.

Bedingungslos willkommen

Menschen, die nach Deutschland fliehen, sind vom ersten Moment an mit Regeln und Reglementierungen konfrontiert, mit dem Anspruch sich anzupassen und sich schnellstmöglich zu „integrieren.“ Das bedeutet gemeinhin, sich „so deutsch wie möglich“ zu verhalten. Unsere Regierung verordnet Integrationskurse. Aber wie soll das gehen: ein neues Land, eine neue Gesellschaft und unbekannte politische Freiheiten und Möglichkeiten quasi aus dem Lehrbuch zu verinnerlichen? Kaum jemand interessiert sich dafür, was die Geflüchteten mitbringen (wenn sie nicht gerade ausgebildete Ärzte sind). Was Kultur für sie bedeutet, wie reichhaltig diese (uns meist fremden) Kulturen sind und was WIR vielleicht lernen können. Also wie wir in einen Austausch kommen und nicht nur einseitige Anpassungsleistungen erwarten.

Plug-In Beats geht einen anderen Weg: wir hören gemeinsam die Lieblingsmusik der vielen Protagonist*innen und tanzen darauf zusammen. Ein basisdemokratisches Angebot also, das als solches nicht nur für Geflüchtete interessant ist. So waren in den vergangenen Jahren zum Beispiel begeisterte US-amerikanische Studenten auf unserer Party, Münchner Freundescliquen, deren Lieblingsmusik nicht in Diskotheken gespielt wird. Aber eben auch Geflüchtete aus Ländern wie Pakistan, wo allerhöchstens mal bei Hochzeiten getanzt wird. Für sie ist hier eine Art geschützter Raum entstanden, wo sie sich ausprobieren und einen eigenen Tanzstil entwickeln können.

Musik bringt Menschen zusammen und kann geschützte Räume generieren

Bei Plug-In Beats kommen unbegleitete minderjährige Geflüchtete zum ersten Mal im Leben auf eine Party und werden sofort und herzlich in die Tanzcommunity eingebunden. Hier lernen wir die „Konsens-Hits“ verschiedener Nationalitäten kennen (z.B. Coco Jambo von Mr President ;-)). Hier stellt sich bei den ersten Takten von „Macarena“ plötzlich der ganze Saal zum Formationstanz auf, um dann beim nächsten Song einen Kreis zu bilden, wenn wieder ein angehender Breakdancer zu HipHop Sounds elegant über den Holzboden des Orangehouses schlittert. Hier formieren sich arabische Männer zum Kreis, um den beliebten Dabke zu tanzen, was im arabischen Raum nach Geschlechtern getrennt passiert. Und holen die anwesenden Frauen ganz selbstverständlich mit dazu. Hier wird man Ohrenzeuge des sich – mit längerem Aufenthalt in unserem Land – verändernden Musikgeschmacks, wenn plötzlich junge Geflüchtete ganz stolz einen Track von Seeed oder Dicht & Ergreifend auflegen. Am schönsten sind natürlich die Abende, bei denen auch viele Münchner*innen anwesend sind. Denn erst, wenn auch sie in den musikalischen Kanon einstimmen, wird es ein echter Austausch der Kulturen.

Aber wie funktioniert das Ganze? Wir geben Nummern aus (wie bei einer Karaoke-Party) und unsere anwesenden VJs vom Projekt tps nostromo bauen die anstehenden Nummern in ihre Visuals ein. Am DJ-Pult stehen Profis, die Lautstärken angleichen und Übergänge generieren, sodass die krassen musikalischen Wechsel nicht auch noch durch Störgeräusche oder Pausen verstärkt werden.

Ein Kessel Buntes geht auch live und mit jungen DJs

2018 haben wir manchmal Bands mit Migrationsvordergrund eingeladen, oder Singersongwriter mit gut verständlichen deutschen Texten. Am DJ-Pult helfen jetzt auch Geflüchtete. Einer von ihnen arbeitet inzwischen selbst als DJ. Deswegen gehen wir 2019 einen Schritt weiter. Wir teilen den Abend in zwei Hälften: von 21 bis 0 Uhr läuft die „Handyparty“ im bekannten Format. Danach legt bis 3 Uhr ein migrantischer Nachwuchs-DJ auf. So schaffen wir ein kleines Forum für Menschen mit Fluchterfahrungen, die sich musikalisch kreativ betätigen wollen.

Es natĂĽrlich nicht einfach , ein kostenloses Format am Leben zu halten. Deshalb sind wir umso glĂĽcklicher darĂĽber, dass wir im Dezember den bayerischen Popkulturpreis (in der Kategorie Inklusion) erhalten haben, weil dieser das Fortbestehen der Partyreihe auch im Jahr 2019 garantiert.

Auf den Geschmack gekommen? Dann zieh ein paar deiner Lieblings-Songs auf dein Handy oder pack deinen MP3-Player ein, nimm ein paar Freund*innen mit und besuch uns bei den Plug-In Beats. Plug-In-Beats läuft immer am 3. Freitag des Monats ab 21 Uhr im Orangehouse. Der Eintritt ist frei.

 

Thomas Lechner

Thomas Lechner leitet das Veranstaltungsteam im Feierwerk, ist seit den 90er Jahren in der MĂĽnchner Musikszene als DJ (Candy Club, Transglobal Beats) und Veranstalter (u.a. Theatron Pfingstfestival) aktiv. Er liebt die Vielfalt und Buntheit der MĂĽnchner Stadtgesellschaft und engagiert sich ehrenamtlich nicht nur fĂĽr die queere Community und die Gleichstellung der Geschlechter, sondern auch fĂĽr die Inklusion von GeflĂĽchteten und die Teilhabe migrantischer MitbĂĽrger*innen am Stadtleben.

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